Das surrealistische Universum von Jan Svankmajer
Der 1934 in Prag geborene Jan Svankmajer gehört zweifellos zu den wichtigsten tschechischen Künstlern des zwanzigsten Jahrhunderts. Regisseure wie Tim Burton, Henry Selick und die Quay-Brüder geben ihn als Inspirationsquelle an; Terry Gilliams und Daren Aronofskys Verehrung für ihn ist grenzenlos. Trotz seiner beruflichen Erfolgen und des Lobs der Kritik ist aber sein Werk bis heute relativ unbekannt und wird selten dem breiten Publikum gezeigt. Mit 16 Jahren tritt Svankmajer in die Académie des Beaux Arts ein, danach lässt er sich zum professionellen Marionettenspieler ausbilden. 1958 erhält er sein Diplom und trifft im gleichen Jahr die Malerin und Bildhauerin Eva Svankmajerova, die ihm als Ehefrau und Mitarbeiterin bis zu seinem Tod 2005 zur Seite stehen wird. 1964 dreht Svankmajer seinen ersten Kurzfilm The Last Trick, in dem Marionetten von Schauspielern verkörpert werden. Er erweitert seine Mittel bald durch diverse Collage-Techniken, Stop-Motion und reelle Aufnahmen, und erschafft mit dieser Mischung ein surreales Universum, dem das Absurde ebenso wenig fremd ist wie das Makabere (oft benutzt er Tierschädel oder Elemente, die er sich aus der örtlichen Metzgerei besorgt hat). Diese Bildsprache – inspiriert durch die grossen Autoren fantastischer Literatur wie Lewis Carroll und Edgar Allan Poe – und die immer wieder auftretenden Themen der Nahrung und der Abschottung (eine Metapher für das kommunistische Regime), sind Merkmale, welche die Einzigartigkeit des Stils Svankmajers ausmachen.
Wegen der allzu deutlichen Äusserung seiner politischen Haltung wird Svankmajer von 1973 bis 1979 das Drehen weiterer Filme untersagt. Während dieser Zeit arbeitet er als Fachmann für Spezialeffekte in den Produktionen diverser Kollegen (Das neunte Herz von Juraj Herz, Adele hat noch nicht zu Abend gegessen von Oldrich Lipský, für welchen er eine fleischfressende Pflanze bastelt, die mit Vorliebe Menschen verspeist) und widmet sich der Bildhauerei und der Poesie. 1982 zeigt das Festival d'Annecy den neusten Film Svankmajers Die Tücken des Gesprächs. Zum ersten Mal wird das Werk des Künstlers auch ausserhalb von Tschechien wahrgenommen und stösst auf grosse Begeisterung. So kommt Svankmajer in Kontakt mit Keith Griffiths, dem Produzenten der Quay-Brüder, der es ihm ermöglicht, mit Alice im Jahre 1988 zum ersten Mal einen Langspielfilm zu drehen. Gleichzeitig hat er Gelegenheit, sich radikaleren Themen zu widmen, die ihn dazu bringen, eine extremere Bildsprache zu entwickeln. Seit diesem Moment an werden seine Filme in zahlreichen Festivals (darunter Locarno) gezeigt, werden aber in einem vertraulichen Rahmen vertrieben und bleiben somit dem breiten Publikum vorenthalten. Ein Grund dafür ist wohl die geringe Aussicht auf kommerziellen Erfolg.

